Kleiner Sigtryggstein

Bei Kasernenbauten, die 1887 im Gottorfer Schloss und dessen nächster Umgebung vorgenommen wurden, hob man die Fundamente der alten Bastion aus, welche das Schloss seit dem 16. Jahrhundert umgaben. Innerhalb der Fundamentierung der südöstlichen dieser Bastionen fand sich ein eingemauerter Granitblock, der, als er ans Licht geschafft und vom Kalk gereinigt war, als Runenstein erkannt ward, und zwar völlig unbeschädigt und vorzüglich erhalten. Die Steinhauer welche ihn fanden, gewahrten die Zeichen auf dem Stein und riefen den Steinmetzen Petersen hinzu. Dieser war ein Sohn des Steinmetzen Petersen, der schon 1857 den Skarthi-Stein bei Busdorf gefunden hatte. Petersen machte den Architekten Starke auf den nun gefundenen Stein aufmerksam. Dieser ließ den Stein sofort in Sicherheit bringen und machte eine dienstliche Anzeige. Auf den Antrag des Schleswig-Holsteinischen Museums vaterländischer Altertümer zu Kiel genehmigte das Ministerium die Überweisung des Steines dorthin, wo er ausgestellt wurde. Er wurde dann ins Schleswig-Holsteinische Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte gebracht, zurück nach Schloss Gottorf, das seit 1948 Sitz der Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen ist. Von dort brachte man ihn im Jahre 1985 ins Wikinger-Museum Haithabu, auf seinen heutigen Standort.

Seine Runen sind schärfer eingeritzt als die des großen Sigtrygg-Steines und stammen von einem dänischen Runenmeister. 

Beide Sigtrygg-Steine sind historisch als zeitgenössische Quellen für ein in der deutschen Überlieferung nur unklar bewahrtes Ereignis wichtig. Adam von Bremen berichtet nämlich, dass irgendwann am Beginn des 10. Jahrhunderts ein schwedischer Wikingerhäuptling namens Olaf Dänemark erobert hätte. Seine Söhne werden Chnob (Chnuba) und Gyrd genannt, und der letzte dieses Geschlechtes mit Namen Sigtrygg wurde von einem Mann namens Hardegon seines Königtums beraubt. Die einzig sichere Notiz verdanken wir dem sächsischen Chronisten Widukind von Corvey, der etwa ein Menschenalter nach den Ereignissen schrieb. Er berichtet davon, dass der deutsche König Heinrich I. 934 bis zur Schlei vordrang und hier einen König namens Chnuba unterwarf, tributpflichtig machte und zum Christentum bekehrte.

Der Vater des Königs Sigtrygg, für den die beiden Steine errichtet sind, hat also 934 in Haithabu geherrscht. Sein Sohn Sigtrygg muss also einem etwas späteren Zeitabschnitt angehören, welchem, das wissen wir nicht; anscheinend hat Asfrid ihrem Mann Chnuba überlebt und auch ihren Sohn Sigtrygg und diesem dann zwei Runensteine in althergebrachter Weise gesetzt. Spuren irgendwelcher christlicher Einflüsse sind auf diesen Steinen nicht zu bemerken.

Trotz dieser historischen Zeugnisse, die wir für das Eindringen einer schwedischen Eroberungsdynastie besitzen, ist die Geschichte dieses Geschlechts dunkel. Unklar bleibt vor allem das Ende in Haithabu. Nur soviel scheint sich mit großer Wahrscheinlichkeit zu ergeben, dass es gewaltsam aus Haithabu verdrängt wurde. Durch wen das aber erfolgte, ist unklar. Die dänische Runologin Lis Jacobsen hat, gestützt auf eine Angabe in der großen Saga von Olaf Tryggvason, die Vermutung ausgesprochen, dass es der dänische König Gorm, Sohn eines Häuptlinges namens Hardeknud war.

Eines aber bezeugen die Runensteine doch mit Sicherheit, nämlich die Tatsache, dass diese Dynastie wirklich existiert hat und dass sie wohl doch aus Schweden kam, wie Adam berichtet; denn anders ließen sich die schwedischen Runen und Sprachformen auf dem größeren Stein schwer erklären. Für die Existenz eines solchen schwedischen Eindringens in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts besitzen wir übrigens auch andere Runenzeugnisse, so etwa den berühmten Runenstein von Sædinge auf der süddänischen Insel Lolland (heute im Lolland-Falster Stiftsmuseum in Maribo), also unmittelbar am Seewege von der Schlei nach Schweden. Auf ihm sind Schweden ausdrücklich genannt, und wenn in dieser Zeit von Schweden die Rede ist, so darf man nicht an das ganze heutige schwedische Territorium denken. Der gesamte südliche und südwestliche Teil Schwedens gehörte damals Dänemark, und die Bezeichnung Schweden beschränkte sich auf das Gebiet um den Mälar-See mit dem politischen Zentrum von Alt-Uppsala in der Landschaft Uppland. 

Warum Asfrid ihrem Sohn zwei Steine setzte ist unbekannt; ein solcher Brauch findet sich nicht oft in Dänemark, häufiger dagegen in Schweden. Auffallend und bezeichnend ist, dass der eine Stein in schwedischer, der andere in dänischen Runenzeichen geritzt ist, das mag mit der verschiedenen Herkunft der Eltern Sigtryggs zusammenhängen. 

Das Alter dieser Steine wird durch die historische Datierung des Geschlechts bestimmt. Da Chnuba 934 noch lebte, müssen die Steine jünger sein. Wann aber Sigtrygg ums Leben kam, wissen wir nicht. Die Identifizierung dieses Sigtrygg mit einem Normannen namens Setricus, der 943 in der Normandie ums Leben kam, ist nur eine Vermutung, obwohl sie durchaus möglich bleibt.